Von Teltow nach Steinstücken

Weiter geht’s auf dem südlichen Abschnitt des Mauerwegs, heute von der Brücke über den Teltowkanal am Teltower Damm in Zehlendorf bis zur Exklave Steinstücken in Wannsee. Diese Gegend kennen wir ziemlich gut, weil das quasi vor unserer Haustür liegt. Darum freuen wir uns auch auf eine sehr grüne Wanderung.

An dieser Ecke war Westberlin am Teltower Damm zu Ende. Geradeaus führt die Knesebeckbrücke seit dem Mauerfall über den Teltowkanal, der von hier Richtung Westen noch bis auf Höhe der Rohrbrücke Teltow (ein versor-gungstechnisches Querungsbauwerk, no less) zu West-Berlin gehörte.
Der Grenzverlauf, den wir ja eigentlich möglichst genau nachgehen wollen, befindet sich hier also auf dem südlichen Ufer des Teltowkanals. Wir bleiben aber nach einem kurzen Blick von der Brücke Richtung Westen…

… auf der nördlichen Uferseite, wo uns ein recht schmaler und unwegsamer Asphaltweg erwartet, auf dem erheblicher Fahrradverkehr herrscht, weshalb wir alle Nase lang zwischen den Brennesseln stehen bleiben müssen, um die flinken Radler durchzulassen.

Ansonsten ist es hier aber schön ruhig. Links fließt der Teltowkanal und rechts die Dauerkleingarten Kolonie Alt-Schönow e.V. Wenn es in Berlin irgendwo grün ist, ist immer eine Laubenpieperkolonie in der Nähe. Darauf ist Verlaß!
Bevor wir dann Richtung Norden abbiegen müssen, gibt es noch einen Blick auf die oben schon erwähnte Rohrbrücke.

Nun geht es also wieder in die Zivilisation hinein. Wir schlängeln uns in Ermangelung eines direkten Weges bis zum Punkt, an dem die Grenze über den Teltowkanal führt, zwischen den wenigen alten Gebäuden hindurch, bis wir ausgangs des Geländes der Seniorenresidenz Augustinum am Erlenweg in Kleinmachnow herauskommen.

Es gab in unmittelbarer Nähe der Rohrbrücke auch einmal eine Treidelbahnbrücke, die sogenannte Teltowwerftbrücke, deren Gleise (noch auf West-Berliner Gebiet) an einem Zaun enden, hinter dem das Ufer des Teltowkanals verläuft.

Auf diesem historischen Foto ist sie ganz rechts zu sehen. Das Gelände der ehemaligen Teltowwerft mit einigen historischen Gebäuden und Gerätschaften ist noch teilweise erhalten.

Dies hier ist das zweites Verwaltungsgebäude von 1926/1927 und eine Maschine der Chemnitzer Werkzeugmaschinenfabrik für den Schiffbau.

An einem Trafo-Häuschen kurz vor dem Erlenweg ist dieses dem Original nachempfundene Warnschild aufgemalt. Wir betreten nunmehr wieder brandenburgischen Boden – Kleinmachnow.
Der Erlenweg ist recht lauschig und und ruhig. Wir folgen ihm Richtung Norden; auf unserer rechten Seite befindet sich der ziemlich tümpelige Buschgraben, der auch heute die Landesgrenze darstellt.

Auf unserer linken Seite wohnt der eine oder andere Philosoph.

Am nördlichen Ende des Erlenwegs schlagen wir uns wie gewohnt in die Büsche, um dem Mauerverlauf nachzuspüren. Wie man sieht, haben das schon einige vor uns gemacht und es gibt einen gut begehbaren Trampelpfad weiter Richtung Norden. Den gehen wir so lange weiter, bis wir am Zehlendorfer Damm herauskommen.


Dort steht noch ein Mauerrest und eine Infotafel. Auf dem Boden markiert ein Stahlband den ehemaligen Grenzverlauf.

Dieser Richtung folgen wir auf der anderen Straßenseite wieder ins Gehölz. Wir lassen den seinen Namen zu recht tragenden Pfuhl…

…links liegen und umrunden ihn, bis wir wieder den Buschgraben überqueren müssen. Danach suchen wir wieder die nächstbeste Möglichkeit, um mehr oder weniger auf dem ehemaligen Todesstreifen Richtung Westen laufen zu können.

Natürlich finden wir den Pfad, der uns wieder auf den Mauerverlauf bringt. Der Eingang ist ein wenig verborgen, dafür aber umso geheimnisvoller. An dieser Stelle sei erwähnt, daß wir Pfadfinder sind und daß mein ehemaliger Stamm eine neue Jurte braucht – jede Spende ist willkommen!

Wir folgen also unserer Nase nach Westen durchs Gebüsch. Es finden sich tatsächlich noch Überreste der Grenzbefestigungsanlagen, wenn man genau hinschaut.

Einige Bewohner West-Berlins in der Neuruppiner Straße (nördlich der Grenze) waren wohl den Anblick der Mauer so sehr gewöhnt, daß sie sich nach dem Mauerfall gleich eine neue aus Plastik an den Gartenzaun getackert haben. Wie schön.

Das Herz des Automobilisten und VW-Camper-Besitzers blutet beim Blick auf einen alten T3, der in einer Garageneinfahrt am Wolfswerder seine besten Zeiten hinter sich gebracht zu haben scheint.

Auch hier wohnt der eine oder andere Scherzkeks.

Ansonsten genießen wir den Spätsommer. Der Topinambur leuchet herrlich.

Schließlich kommen wir am Adam-Kuckhoff-Platz heraus, wo wir die Gorl-Morgs-Stroße (die Richtung Norden auf West-Berliner Gebiet Benschallee heißt) queren werden, um gegenüber auf der alten Stammbahnstrecke weiter Richtung Westen zu wandern.

Auch hier gibt es – pars pro toto – einen Mauerrest mit einer Gedenkstele für eines der zahlreichen Opfer des DDR-Grenzregimes auf unserem heutigen Abschnitt.

Sozialismus tötet.

Nun geht es auf dem Verlauf der ehemaligen Stammbahn, der hier identisch ist mit dem Mauerverlauf, südlich der Kolonie Schlachtensee entlang in den Düppel. Von jetzt an wird es sehr grün und schön. Um die Stammbahn tobt – wie kann es anders sein, seit Jahrzehnten ein erbitterter Streit um die Wiederbelebung dieser ehemaligen S-Bahn-Strecke. Not in my backyard, obviously.

Der Weg nach Westen endet an der Schallschutzmauer der A115 südlich des ehemaligen Grenzübergangs Dreilinden auf Höhe des Rosaroten Panzers.

Wir gehen ein kurzes Stück nach Norden bis zur Brücke des Königswegs, über die wir auf die andere Seite der Autobahn gelangen.

Von der Brücke hat man einen prima Ausblick auf den ehemaligen Grenzübergang Dreilinden, den Checkpoint Bravo.

Auf der anderen Seite der A115 gehen wir gleich wieder nach links in den Wald und befinden uns dann wieder auf dem Streifen, auf dem die Mauer (und die Stammbahn) verliefen. Hier ist es wirklich schön. Der Düppeler Forst ist einer unserer Lieblingsorte in Berlin.

Wir kommen an den Resten der ehemaligen Friedhofsbahn vorbei, die hier von 1913 bis 1962 von Norden kommend nach Stahnsdorf führte. Ein typischer „Lost Place“ in Berlin.

Dann gehen wir (erst auf die, dann) unter der Alten Stammbahnbrücke im Düppeler Forst durch. Diese ist ein sehr beliebtes Reservat für Schmierfinken aller Couleur, die hier ihre Farbdosen leersprühen, in der Hoffnung, es möge „Kunst“ dabei herauskommen.

Oben auf der Brücke haben sich Büsche und Fichten im Schotterbett breit gemacht.

Auch die auf dem westlichen Ende der Brücke liegenden Trümmer der Grenzbefestigungen wurden von den Narrenhänden nicht verschont.

So aufgeräumt sieht das da überall aus. Dit is Kultur, wa.

Nun erreichen wir die ehemalige Autobahnbrücke über den Teltowkanal, Vorläufer des Checkpoint Bravo und Relikte einer bis 1969 bestehenden Führung der Autobahn zwischen der AVUS und dem Berliner Ring. Der Weg entlang der Stammbahn durch den Düppeler Forst, den wir bis hierher gelaufen sind, entspricht der ehemaligen Autobahnführung, die bis 1969 bestand.

Ein Stück weiter ostwärts quert die ehemalige Zonengrenze den Teltowkanal nach Süden. Die genaue Stelle war auch damals vom Wasser aus nicht sichtbar. Dies wurde einem West-Berliner zum Verhängnis. Ihm ist auch eine Gedenkstele an der Brücke gewidmet.

Auf der Südseite der Brücke stehen noch die alten Fahnenmasten.

Vom ehemaligen Grenzübergang ist nur noch das Gebäude der alten Gaststätte erhalten geblieben. Im Übrigen können wir hier dem Verlauf der Mauer nicht folgen, da er auf der Südseite des Teltowkanals über das Grundstück des 1. Berliner Bogenschützen E. V. führt.

Dahinter liegt Albrechts Teerofen, eine sehr verschlafene Ecke des ehemaligen Westberlin. Auch hier sind die wenigen Bewohner (die übrigens dem ständigen Lärm der nahen Autobahn ausgesetzt sind), recht kreativ in der Gestaltung ihrer Grundstücke.

Südlich von Albrechts Teerofen führt wieder ein Trampelpfad genau auf dem ehemaligen Verlauf der Mauer entlang Richtung Westen. Dem folgen wir jetzt wieder, zunächst noch beschallt durch die A115. Bald wird es ruhiger, weil die Autobahn dann Richtung Süden abbiegt.

Hin und wieder finden sich noch Reste der Grenzbefestigungsanlagen, wie hier ein umgefallener Lichtmast.

Je weiter wir Richtung Steinstücken kommen, desto waldiger wird es. Rechter Hand der alte Baumbestand des Westens, linker Hand Brandenburger Streichholzplantagen.
Dann kommen wir nach Steinstücken, einer ehemaligen West-Berliner Exklave, die wie ein Hammer in die DDR hineinragte und nur durch die Bernhard-Beyer-Straße mit Wannsee verbunden war.

So sah es zu Zeiten der Mauer in Steinstücken aus.

Links und rechts dieser Straße stand die Mauer, am südlichen Ende befand sich die kleine Ortslage Steinstücken. Sie gehört heute immer noch zu Berlin und ist fast vollständig vom Potsdamer Stadtgebiet umschlossen. Daß sie im Kalten Krieg Anfang der 1950er Jahre nicht von der DDR annektiert wurde, ist den Amerikanern zu verdanken, und zwar der 278. Military Police Company, die hier auf Geheiß von Lucius D. Clay einen Stützpunkt einrichtete, um die Kommunisten von Steinstücken fernzuhalten.
Es ist fast unmöglich, um Steinstücken auf dem ehemaligen Mauerverlauf oder Todesstreifen herumzulaufen. Der freie Bereich auf dem obigen historischen Bild ist vollständig bewachsen oder bebaut.

Wir kämpfen uns durchs Gebüsch und kommen am ostwärtigen Ende des „Hammerkopfes“ auf der Straße „An der Parforceheide“ heraus. Hier gibt es einen kleinen Verbindungsweg nach Steinstücken hinein, den wir nehmen, um wieder zum „Hammerstiel“ zurückzukommen.

Dort überqueren wir die Gleise der aus Süden kommenden Bahnstrecke über die Stahnsdorfer Brücke, die in den nordwestlichen Teil des „Hammerkopfes“ von Steinstücken führt, also ebenfalls in West-Berlin lag. Direkt dahinter biegen wir nach Norden ab und können dem Verlauf der Mauer nun auf der DDR-Seite folgen.

Wir laufen über den Campus des Hasso-Plattner-Instituts, auf dem gerade die Veranstaltung „European Impact Sprint“ anläuft. Jede Menge Männer mit Dutt und einige Frauen mit lila Haaren und Nasenringen laufen hier herum.

Gleichsam als kontrapunktische Metaphorik zum Leiden des Daseins an und für sich steht eine Göttin (DS 21 Pallas, notabene!) auf dem Parkplatz des Campus und wir fühlen uns geheilt.

An der nordostwärtigen Spitze des Campusgeländes endet unsere heutige Wanderung, da es hier nicht weitergeht. Die Fernbahn von rechts und die S-Bahn-Trasse von links schließen den Landzipfel ein. Die ehemalige Grenze quert hier die S-Bahn-Trasse und führt auf der anderen Seite zum Griebnitzsee. Wir gehen wieder zurück über den HPI-Campus zur S-Bahn-Station Griebnitzsee und fahren heim.
Gut 17 Kilometer haben wir hinter uns gebracht. Einige davon gehen auf das Konto von Suchmissionen durch bewachsene Gebiete in Albrechts Teerofen und Steinstücken.
Demnächst hier: Die letzte Etappe!
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