Von Lichtenrade nach Teltow

Auf unserem heutigern Teilabschnitt verlassen wir das urbane Berlin wieder und wandern durch die spätsommerliche Natur im Süden Berlins. Der Unterschied zu den vorhergehenden Etappen längs durch die Hauptstadt ist erwartungsgemäß frappierend und erholsam. Das Phänomen Berlin zeichnet sich unter anderem bekanntlich dadurch aus, daß man quasi nur wenige Schritte aus der Stadt heraus zu machen braucht, um in der ländlichen Stille (und Einsamkeit) zu landen. Nicht nur unter der Woche – auch an Wochenenden erlebe ich das immer wieder und frage mich, was tun 4 Millionen Berliner in ihrer Freizeit, wenn die Natur doch im Wortsinne vor der Tür liegt?
Doch genug gerätselt, auf geht es. Wir starten auf dem offiziellen Mauerweg westlich des S-Bahnhofs Lichtenrade und wandern dann im Zickzack südlich um Marienfelde herum.

Der Durchgang aus dem Ortsteil Lichtenrade nach Brandenburg ist mit Betonpollern gekennzeichnet, die exakt auf dem Verlauf der Mauer stehen – und wie schon auf den vorherigen Etappen suchen wir erst einmal nach einer Möglichkeit, diesem zu folgen (und nicht dem offiziellen Mauerweg), ohne den Lichtenradern durch die Gärten zu klettern.

Und tatsächlich tut sich auch hier ein Trampelpfad auf, der uns zunächst Richtung Norden und dann nach Westen sehr nah am tatsächlichen Mauerverlauf entlang führt. Mitunter stehen die Brennnesseln sehr hoch und dicht, und wir müssen auch mal die Zähne zusammenbeißen, weil die kurze Hose die Waden ungeschützt läßt.

Hier, wie auch schon auf früheren Etappen, wächst und gedeiht die Kanadische Goldrute (Solidago canadensis), ein sogenannter invasiver (und problematischer) Neophyt, der mancherorts – z.B. in der Schweiz – bereits bekämpft wird, weil er einheimische Arten verdrängt. Er ist aber hübsch anzusehen, der Neophyt.

Ansonsten ist der Schleichweg eine Augenweide und sieht teilweise aus wie eine Mischung aus Fangorn und Lothlórien. Wir freuen uns!

Zwischen unserem Schleichweg und dem offiziellen Mauerweg findet sich an manchen Abschnitten noch der Graben, der hinter der Mauer verlief. Auch der wächst sukzessive zu. Sehen kann der Wanderer diesen Graben vom Weg aus nicht – wir haben ihn nur entdeckt, weil wir mal unseren Wasserstand regeln mußten.

An der südwestlichen Ecke von Marienfelde ist dann der Trampelpfad leider zu Ende und wir wandern auf dem ostwärtigen Weg entlang der Grenze (er ist ein wenig näher dran als der Mauerweg) Richtung Norden. Hier begegnet uns hin und wieder sogar ein Mensch mit Hund.

Wir passieren die Kolonie Birkholz (Motto: „Gemeinschaft, Tradition, Heimat“ – notabene!), an deren Zäunen die Breitblättrige Platterbse (bitte sagen Sie das 5 Mal schnell nacheinander auf, ohne sich eine Zungenbandzerrung zuzuziehen), in deren Blüten sich die Hummeln tummeln. Diese Pflanze ist ein Hemikryptophyt, falls Sie das wissen wollten.

Jenseits der Kolonie müssen wir notgedrungen auf den offiziellen Mauerpfad wechseln. Hier ist es zwar auch grün, ruhig und einsam, aber eben asphaltiert und dadurch ein wenig künstlich. Hin und wieder kommt ein Radfahrer vorbei, ansonsten sind wir hier auch allein.

Dann kreuzen wir die B 101 (Marienfelder Allee). Hier gibt es einige interessante Informationstafeln über die Situation an der Grenze vor und während des Mauerbaus.

Danach geht es weiter auf dem offiziellen Mauerweg Richtung Nordwesten nach Lichterfelde. Der Mauerverlauf ist hier zugewuchert und wir haben nur die Wahl zwischen dem Mauer-Radweg oder einem links daneben verlaufenden Feldweg. Nach einer kurzen Rast mit Berliner Lokalkolorit…

… entscheiden wir uns für letzteres und gehen an einem Maisfeld entlang.

Am Horizont sehen wir die Hochhäuser der Thermometersiedlung, die wir südlich umwandern werden, weil zwischen der Bebauung und der Grenze zu Smaugs Einöde (Brandenburg) noch ein Rätsel auf uns wartet. Doch gemach, zunächst wandern wir weiter, ein kurzes Stück in nördlicher Richtung, wo wir dann auf die Stadtgrenze nach Berlin stoßen, gekennzeichnet durch ein paar rotweiße Pfähle.

Hier können wir nach links abbiegen und auf Berliner Stadtgebiet den Jenbacher Weg entlangwandern, der direkt auf der Westberliner Seite der Mauer verlief. Der offizielle Mauerweg verläuft hier deutlich weiter südlich, aber wir wollen ja authentisch laufen.

Die Berliner Anwohner des Jenbacher Weges – teilweise alte Häuser, teilweise aber auch Nachwende-Bauten – parken ihre Autos in Brandenburg, wie wir hier schön sehen können. Auch die Kleingartenkolonisten, die sich weiter nördlich am Jenbacher Weg angesiedelt haben, machen das so. Deswegen gab es auch schon Ärger mit den zuständigen Förstern. Aber die Internetpräsenz des Kleingartens ist dafür ein Kleinod der modernen, vernetzten Welt.

Zwischen der Siedlung und der Kolonie kommen wir am beachtliche 60 Meter hohen Trümmerberg Lichterfelde vorbei, der an 50. Stelle der Berliner Erhebungen steht. Immerhin.

Jetzt wird es spannend. Wir erreichen die Osdorfer Straße; gegenüber steht ein schweres Gittertor, das den Zugang zum dahinterliegenden Areal versperrt.

Am südlichen Ortsausgang an der Osdorfer Straße steht ein zum Stadtbild passendes Ensemble aus Mauerrest und Ortsschild. Wir überqueren die Straße und schlagen uns auf der anderen Seite südlich des umzäunten Areals in das Wäldchen. Der asphaltierte, aber in die Jahre gekommene Weg verlief zu Mauerzeiten direkt auf der Westberliner Mauerseite.

Der massive Zaun (und seine Sockelumrandung) gehören zu einem südlich der schon erwähnten Thermometersiedlung in Lichterfelde gelegenen Areal, das während der Teilung der Stadt vom 6941st Guard Battalion der US Army als Häuserkampf-Truppenübungsplatz genutzt wurde – die sogenannte Parks Range – im Militärjargon „Doughboy City“ genannt. Nach dem Abzug der Alliierten lag das jahrelang brach, bevor es von einer Pferde- und Reiter-Interessen-gemeinschaft gepachtet wurde und sich in den vergangenen drei Jahrzehnten zu einem eigenständigen Biotop gewandelt hat. Im Gespräch mit einer Anwohnerin erfahre ich, daß den seit langem bestehenden Plänen, das Areal zu bebauen, um der Wohnungsnot in Berlin zu begegnen, vor Ort nicht nur mit Zustimmung begegnet wird. Das Planungsverfahren läuft – berlintypisch – seit über 14 Jahren, ohne daß auch nur ein Stein auf den anderen gesetzt wurde.

An den immer noch bestehenden Entsorgungs- und Entwässerungskanälen der ehemaligen Range stehen Verkehrsschilder, die wir auch noch nicht kannten.
Der asphaltierte Weg (der auch hier nicht der offizielle Mauerweg ist), führt einmal südwestlich um das gesamte Areal herum und macht den Eindruck, als würde er kaum benutzt.

Vor allem der Abschnitt an der Westseite, der bereits parallel zur Kirschblütenallee verläuft, ist ein echter „lost place“.

Kurz vor der Unterquerung der Bahngleise ist der vergessene Pfad zu Ende und wir nehmen wieder den „echten“ Mauerweg. Jenseits der Unterführung gibt es noch ein Stück der Kirschblütenallee, die wir gern als Wanderweg benutzen.

Die Kirschblütenallee hat eine eigene, interessante Geschichte. Die japanische TV Asahi Group hatte anläßlich des Falls der Berliner Mauer im November 1989 in ganz Japan Unzählige dazu ermuntern und begeistern können, mit einer persönlichen Spende ihrer Freude über das Ende der Teilung Deutschlands Ausdruck zu verleihen.

Das gesammelte Geld wurde zweckgebunden dafür eingesetzt, mittlerweile rund 10.000 Kirschbäume in Berlin und Brandenburg wachsen zu lassen. Auf dem ehemaligen Grenzstreifen zwischen Berlin-Lichterfelde und der Stadt Teltow trifft man auf rund 1.000 Bäume und damit die längste Japanische Kirschbaumallee in Berlin-Brandenburg. Im Frühjahr sieht das dann so aus:

Entlang der Kirschblütenallee gibt es auch eine Hinweistafel, die man für einen vergleichenden Blick nach Teltow hinein nutzen kann.


Wir überqueren nun den Ostpreußendamm und können auf der gegenüber-liegenden Straßenseite nicht mehr auf der Mauerlinie laufen, da dort alles ineinander übergehend bebaut ist. Das wachsame Auge erkennt aber trotzdem den Grenzverlauf:

Auf dem letzten Stück bis zum Teltowkanal gibt es auch noch Relikte aus der Zeit der Teilung zu bewundern.

Hinter der Original-Zonenfunzel steht ein echter „Stalin-Zaun“ (so genannt wegen der ausgesprochenen Häßlichkeit dieser DDR-Produkte) mit Retro-DDR-Briefkasten. In der Fassade des renovierten Hauses ist noch ein DDR-Erker erhalten. Suum cuique. Wir erreichen den Teltowkanal, der zur Zeit der Mauer so aussah:

Heute ist hier alles grün, und der Mauerweg führt entlang des Kanals Richtung Südwesten.

Die Bewohner der Filetgrundstücke direkt am Kanal haben sich die ehemaligen Grenzanlagen gleich als Grundstücksgrenze gesetzt. Passend zum Stalinzaun an der Straße blickt der Wanderer hier auf die mindestens ebenso einladenden Zäune aus Streckmetall.

Wir machen noch ein kleines Päuschen gegenüber des Zehlendorfer Stichkanals, auf einer der zahlreichen Bänke, die man hier entlang des Kanals für die Mauerwegwanderer und -radler hingestellt hat.


Geht man vom Mauerweg die wenigen Meter zum Kanal, kann man in den Grünstreifen hineinblicken, und auch hier gibt es noch Reste der ehemaligen Grenzbefestigungen zu entdecken.

Kurz vor dem Ende unserer Etappe kommen wir erneut an einer der zahlreichen Erinnerungs-Stelen vorbei; auch diese hier ist noch vom 13. August geschmückt und ist Peter Mädler und Karl-Heinz Kube gewidmet. Sie stehen – wie immer – stellvertretend für die anderen Namen derer, die entlang unserer heutigen Etappe ums Leben kamen oder durch DDR-Grenzsoldaten erschossen wurden.
Sozialismus tötet.
Wir erreichen die Knesebeckbrücke über den Teltowkanal, dem Endpunkt unserer heutigen Etappe. Diese Brücke ist ein 36 Jahre altes, marodes Provisorium, über dessen Sanierung oder ersetzenden Neubau Berlin- (und Deutschland-) typisch seit mehreren Jahrzehnten gestritten wird. Der (ausschließliche) PKW-Verkehr quält sich im Schritttempo über die Brücke, weshalb mein Bus natürlich auch Verspätung hat. Willkommen in Berlin.
Bleiben Sie uns gewogen – demnächst mehr auf dieser Seite!
Hinterlasse einen Kommentar